Das Zünglein an einer subkontinentalen Waage

Das Zünglein an einer subkontinentalen Waage

Es liegt an Politikern, aber ganz bestimmt nicht nur an Politikern allein. Das können wir jetzt alle begreifen: dass nicht die Spitze eines Eisbergs uns alle nach unten zieht, sondern eine große Mehrheit uns alle über Wasser hält. Dass jede Entscheidung, jede Tat, und auch die Entscheidung nichts zu tun, eine Entscheidung ist – und zu einem Gesamtwesen beiträgt.

Wir wissen, dass das Problem „Angst“ heißt. Da ist Einbildung, wir könnten nationalpolitisch im Alleingang noch irgendetwas ausrichten und die Sehnsucht uns zurückzubringen in eine Vergangenheit, in der wir vermeintlich besser dastehen. Als könnten wir Mauern bauen und die Tür abschließen.

Das, was da spätestens seit 2015 als Wunsch grassierte: Es ist, als hätte ihn jemand gehört und perfide wahrgemacht. Da sind sie wieder, die Grenzen, die Mauern. Die abgeschlossenen Türen.

Der Nährboden von Populisten kann schnell immer mehr Leute satt machen. Vor allem, wenn Hunger wieder ein Thema wird. Wenn die Existenzen derart durchgeschüttelt werden, wie wir es kaum vergleichen können mit 2015.

Bald könnte es wieder über uns hereinbrechen und wieder dafür sorgen, dass wir die, die Jahrzehnte lang mit uns am selben Tisch saßen plötzlich nicht wieder erkennen. Dass wieder von Gräben gesprochen wird. Dass das Sprechen von Gräben wieder noch mehr Gräben aufwirft – das war 2015 zumindest meine größte Sorge.

Man wird auch jetzt, wenn es darum gehen wird gebeutelte Wirtschaften wieder in Schwung zu bringen den Europäern nicht die Pistole auf die Brust setzen können. Womöglich wird erneut ein Klima herrschen, wo keiner sagen kann: Jetzt kümmere dich um deinen Nachbarn. Tu es, weil du sozial sein musst. Man wird den Europäern nicht aufhalsen können: Arbeitet zusammen, sonst zerbricht die EU.

Dieser erhobene Zeigefinger zeigt auf sich selbst.

Es ist normal, das Organisationen sterben, wenn ihnen die Daseinsberechtigung fehlt. Und leider reicht es schon, wenn sie zwar da sein mag, aber niemand sie wahrnimmt.

Kommunikation wird damit gerade zum Zünglein an einer Waage, an der ein ganzer Subkontinent hängt.

Es sind diejenigen lange alt oder schon tot, die diese Organisation ins Leben riefen. Die ihre Zweckmäßigkeit, ihren Sinn und damit ihr Leben ihr einhauchten. Wenn die EU sich heute nur noch managt – die vorhandenen Strukturen um ihrer selbst Willen aufrecht erhält, kann sie nur scheitern. Denn was nützen uns Strukturen, wenn niemand mehr spürt, wozu sie da sind. Oder schlimmer: wenn alle darauf warten, was getan wird, aber nichts getan wird. Oder noch schlimmer: wenn etwas getan wird, aber keiner davon weiß. Wenn die alte Mär von der nichtstuenden EU am Ende den Atemstillstand für dieses einzigartige Projekt bedeuten sollte. Exitus.

Es ist so wichtig wie nie einen neuen Antrieb zu finden und womöglich noch wichtiger, dass wir nicht hier sitzen und warten, dass jemand in Brüssel ihn aufhebt und vorgibt. Was ein gemeinschaftlicher Verbund sein möchte, muss vielleicht gerade jetzt aus der Gemeinschaft allein entstehen, getragen werden, gefüllt werden und beschützt werden, zumindest so lange, bis Schlagbäume und Zäune wieder Vergangenheit sind und Schengen herrscht, wie wir es vor vier Wochen erlebt und gelebt haben, mit großer Selbstverständlichkeit, und das keine 30 Jahre, nachdem dieses Abkommen ein Durchbruch auf diesem von so vielen Kriegen wie sonst nirgendwo gebeutelten Subkontinent war. Und es fing an mit nichts als einer Idee.

Europa sollte gerade jetzt nicht nur allein für sich da sein. Europa kann, mit seiner Tradition in der Wissenschaft, in der Philosophie, in der Tradition der Ideen von Staaten, Ethik, Moral, Handel, Wirtschaft, Sozialwesen, aber auch Handwerk, Können, Ingenieurwesen, konstanter Arbeitsleistung, Hand-, Kopf-, Muskel- und die Kraft unser aller Ideen und einem ausgezeichneten Bildungswesen – einem der besten auf der Welt – Europa kann das Modell sein, wie man in dieser Welt zusammenlebt. Und Krisen bewältigt. Europa kann die Zukunft entscheidend prägen. Europa kann zeigen, wie man Aufgaben löst und schon im Vorhinein zu lösen versucht – Europa kann vorausgehen in der Welt und weiter zeigen und beweisen, dass viele Menschen in Wohlstand und in Gerechtigkeit zusammen leben können ohne dabei ihre kulturelle Eigenheit, ja sogar ihre souveränen, einzelnen Regierungen aufgeben zu müssen. Europa kann ein Modell in der Welt sein, weil: es diese Ideen, diese Tradition, diese, uns Menschen, Länder und Zusammenarbeit nur ein einziges Mal gibt.

Vielleicht besteht gerade jetzt die Chance, dass Europa sich am besten selbst hilft, indem es nach Außen tritt. Man muss noch lange keine Propaganda wie China betreiben, um – ja, auch lautstark – auf die durchaus erfolgreichen Maßnahmen zeigen zu dürfen. 540 Milliarden aus der EU. Der solidarische Austausch von Patienten, Betten, Hilfsmitteln. Über Hausflure, Straßen, Ländergrenzen hinweg – so ganz anders, als wir es in den United States beobachten können. Eine Meldung, die Kommissionspräsidentin Von der Leyen sofort zurückzog, als sie bemerkte, dass sie in Italien Wellen schlug.

Es gibt sie, die europäische Koordination. Die Organisation. Das feinfühlige Verständnis angesichts komplexer Beziehungen. Die Unterstützung – unter Wahrung nationalstaatlicher Souveräniten.

Sie lebt doch, diese Idee, diese Strukturen. Nur warum ist sie so verdammt zurückhaltend, die kluge EU, wo andere, die besser mit ihren Marktschreierstimmen an der Madison Avenue Obst verkaufen sollten noch dermaßen laut über ihre fatalen Entscheidungen reden. Für die EU gibt es kein Abwarten und Ausbessern im Inneren, bevor man nach Außen tritt. Zumindest nicht, wenn die inneren Kernprobleme Angst und Stolz waren und sind, die sich dann doch wieder nur die Landesgrenzen und Zäune suchen, die wir nicht mehr sehen wollen. Es gibt und gab Fehler. Aber das Narrativ wie wir alle hier so heile wie möglich wieder rauskommen ist ganz sicher nicht das Zerpflücken von Bestehendem.

Wenn wir nicht anfangen stolz zu sein und zu reden über das, was funktioniert, dann wird es keiner tun. Dann wird sich dieser Stolz wieder ein anderes Ziel suchen. Die Farbe Blau, den Gartenzaun, den Schlagbaum.

Deshalb. Ich zumindest wünsche mir eine durchsetzungsstarke EU, alle, egal ob Gewählte oder Wählende (!), die hörbar und sichtbar machen, was die EU jetzt gerade leistet – wofür sie jetzt steht. Bei jeder Gelegenheit, wo es nötig und sinnvoll ist.

Vielleicht sollten wir uns jetzt alle nicht nur so verhalten, als wären wir infiziert, wie es Virologen dieser Tage mahnen, um andere zu schützen. Vielleicht sollten wir, um uns selbst zu schützen, uns als Wahlkämpfer für die EU begreifen. Wer wieder zu Schengen zurückwill und erkennt, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, der sollte jetzt Wahlkämpfer für diese EU sein.

Überzeugt, von dieser Idee eines solidarischen Verbundes von Nationalstaaten mit vielfältigsten Kulturen, Identitäten und Menschen. Nicht schweigen, sondern deutlich machen, dass wir alles tun sollten, nur nicht dieses Projekt aufs Spiel setzen, indem wir es kaputt reden. Gegenüber Kollegen, Freunden, der Familie, oder wen man sonst noch trifft.

Mit gebotenem Abstand, natürlich.
Und Anstand.

Schreibe einen Kommentar